Fahrradstraße Weserstraße kommt

Die Weserstraße wird mit 2,5 km längste Fahrradstraße Neuköllns. Der bestehende Fahrradstraßen-Teil zwischen Hermannplatz und Pannierstraße wird parallel zur Sonnenallee bis zur Ringbahn asphaltiert und als Fahrradstraße ausgewiesen. Soviel stand vor der Informationsveranstaltung am 7.8 auf dem Rütlicampus, zu der der Bezirk Neukölln eingeladen hatte, bereits fest. Wie die schlechten Erfahrungen aus den bisherigen Fahrradstraßen- und Asphaltierungsprojekten des Bezirks von vornherein vermieden werden könnten, stand im Zentrum der Veranstaltung. Martin Hikel, Bezirksbürgermeister Neuköllns und Stadtrat für Verkehr sowie Jochen Biedermann, Stadtrat für Stadtentwicklung eröffneten die Veranstaltung. Die Stimmung war durchweg positiv und die Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung kaum umstritten. Im Jahr 2020 soll der erste von drei Bauabschnitten starten – bis 2022 soll die Fahrradstraße komplett fertig sein.

Weserstraße schon jetzt Fahrradstraße in spé

Abgesehen vom bestehenden Fahrradstraßen-Stück im Norden, ist auch der restliche Teil der Weserstraße (zumindest bis zur Wildenbruchstraße) eine stark frequentierte Radverkehrsverbindung – nicht wegen der Radinfrastruktur sondern trotz ihr. Der gezählte Radverkehr ist stellenweise doppelt so hoch wie der Kfz-Verkehr. Damit das auch nach der Asphaltierung so bleibt, und Radfahren nicht zum Spießrutenlauf zwischen rasenden Autos wird, sind Verkehrsberuhigungs und -lenkungsmaßnahmen unabdingbar.

Durchfahrtsverkehr unterbinden – Anlieger frei

Fahrradstraßen in Berlin sind bisher meist Feigenblätter für die Statistik. Schilder aufstellen – Fototermin – fertig. Der tatsächliche Mehrwert für Radfahrende wird selten sichtbar. Meist werden Radfahrende durch Kfz eng überholt, abgedrängt oder blockiert. Alle vorhandenen Neuköllner Fahrradstraßen leiden unter durchfahrenden Kfz, die die “Anlieger frei” Regelung missachten. Ein Ziel des Berliner Mobilitätsgesetzes ist es, gegen gegen zu hohen und rücksichtslosen Kfz-Verkehr vorzugehen. In §44 Abs. 2 des Berliner Mobilitätsgesetz  heißt es dazu:

Fahrradstraßen und Nebenstraßen sollen so gestaltet werden, dass motorisierter Individualverkehr, außer Ziel- und Quellverkehr, im jeweiligen Straßenabschnitt unterbleibt.“

Das diesem Grundsatz im Falle der Weserstraße ernsthaft gefolgt wird, wurde auf der Veranstaltung deutlich. Aus Sicht des Netzwerks ist das ein zentrales Element für eine gut funktionierende Fahrradstraße. Wenn diese Maßnahmen konsequent umgesetzt werden, kommt man in der Realität dem Zusatzschild „Anlieger frei“ bedeutend näher. Auch wenn dies bedeutet, dass weiterhin Kfz-Verkehr in der Fahrradstraße stattfinden wird, sehen wir die Begrenzung der Kfz-Menge (Sperren, Filter, etc.) und auch der Kfz-Geschwindigkeit (Aufpflasterung) als echten Mehrwert für Radfahrende in Neukölln!

Input für besseren Output – Ideen und Hinweise für die Weserstraße gesucht!

Wo genau die modalen Filter, Diagonalsperren, gegenläufige Einbahnstraßen hinkommen, wurde beispielhaft dargestellt. Welche Wegebeziehungen unterbrochen werden müssen, damit die frisch asphaltierte und bevorrechtigte Weserstraße nicht zum Kfz-Schleichweg wird, wird bis Ende September entschieden. Ideen, Problembereiche und Hinweise wurden auf der Veranstaltung mündlich und per Post-it an die Verantwortlich herangetragen. Und auch per Mail oder Telefon können weiterhin Hinweise an den Bezirk für den Umbau geschickt werden.

Unsere Gestaltungsvorschläge für die Weserstraße

Problematisch ist weiterhin der hohe Anteil an Kfz-Parken, der stellenweise wie eine trennende Mauer in der Wohnstraße wirkt. Die Parkstreifen gehen jeweils beidseitig in Längsrichtung durch. Nur an den Kreuzungen kann die Straßenseite gewechselt werden. Hier sehen wir dringenden Verbesserungsbedarf. Mindestens alle 100 Meter sollten Querungsmöglichkeiten und Lücken in der Parkfront geschaffen werden. Im Idealfall wird die Fahrbahn angehoben, um ebenerdiges Queren zu ermöglichen. Auch vor dem Hintergrund der geplanten Parkraumbewirtschaftung sollte der freiwerdende Platz nicht wieder uneingeschränkt an parkende Kfz vergeben werden. 

Besondere Aufmerksamkeit verlangt der Abschnitt der Weserstraße vor dem Campus Rütli. Hier liegen mit mehreren Kitas, einer Jugendeinrichtung und der Schule verschiedene besonders schützenswerte Einrichtungen nebeneinander. In den kommenden Jahren wird die bisher im Abschnitt zwischen Pannier- und Reuterstraße untergebrachte Grundstufe dazukommen. Dann muss ein sicheres und selbstständiges Ankommen auch der jüngsten Schulkinder möglich sein. 

Kartenausschnitt mit dem markierten Bereich für den vorgeschlagenen modalen Filter auf der Weserstraße zwischen Jansastraße und Tellstraße
Möglicher modaler Filter und Eingangsplatz zum Campus Rütli zw. Jansa und Tellstraße

Auf der Informationsveranstaltung wurde deutlich, dass es rechtlich schwierig bis unmöglich ist, mit baulichen Mitteln sicherzustellen, dass die erlaubten 30 km/h nicht überschritten werden. Der Konflikt lässt sich jedoch zuverlässig mit modalen Filtern nach dem Vorbild des Böhmischen Platzes lösen. Der Campus Rütli erhielte eine Art Vorplatz und würde sich faktisch zum Weserkiez hin öffnen. Die nur einseitige Wohnbebauung reduziert dabei die Anzahl der Anwohner*innen und ist lärmtechnisch vorteilhaft. Verkehrlich sollte hier die Fahrradstraße auch in diesem Bereich als solche durchgeführt werden. Eine deutliche optische Abgrenzung des durch Radfahrer*innen zu nutzenden Bereichs vom Rest des Straßenraumes ist dabei natürlich anzustreben.

Ähnliche Herausforderungen an die Verkehrssicherheit und zugleich Chancen für die Stadtgestaltung stellen sich im Bereich des Spielplatzes im mittleren Bereich der Weserstraße. Wie am Weichselplatz liegt hier ein rege frequentiertes Eiscafe gegenüber eines beliebten Spielplatzes. Der Abschnitt hat sich als gefragter Aufenthaltsbereich etabliert. Die Straße wird häufig von Fußgänger*innen und vor allem Kindern gekreuzt. Hier ist neben guten Sichtbeziehungen auf Maßnahmen zur Verringerung des Geschwindigkeitsniveaus zu achten, ähnlich wie es am Weichselplatz gut gelungen ist. 

Zusätzlich wird der Baumbestand an einzelnen Stellen erneuert. Als Schutz vor parkenden Kfz sollen die Baumscheiben zur Fahrbahn hin etwas vom Gehweg angehoben werden. Außerdem werden sie links und rechts durch Fahrradbügel eingefasst. Da Baumscheiben z.T. kleine Naherholungsgebiete sind, halten wir diese Maßnahme allerdings für fragwürdig. Radbügel sollten anstelle von Kfz-Stellplätzen in regelmäßigen Abständen vorgehalten werden. 

Forderungen des Netzwerk fahrradfreundliches Neukölln auf einen Blick:

  • Die Fahrradstraße sollte vor allem im Längsverlauf besser sichtbar sein und Radfahrer*innen zum Nebeneinanderfahren ermutigen, bzw. diese Regelung auch Autofahrer*innen verdeutlicht werden, bspw mit zwei Radsymbolen nebeneinander in jeweils eine Richtung
  • Einrichtung eines modalen Filters im Bereich des Campus Rütli 
  • Im Bereich des Spielplatzes gegenüber der Weserstraße 45 müssen effektive Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung getroffen werden 
  • Der Parkstreifen muss auch abseits der Kreuzungen unterbrochen werden, damit Menschen die Straßenseite wechseln können.
  • Baumscheiben sollten nicht durch Fahrradbügel von allen Seiten eingezäunt werden.
  • Fahrradbügel sollten anstatt von Kfz-Stellplätzen hergestellt werden ggf. als Sicherung von Querungsstellen

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