Pressemitteilung: „Mehr Platz für wachsenden Radverkehr!“

Neukölln, 23.09.2015 – Netzwerk Fahrradfreundliches Neukölln, so nennt sich die neu gegründete Initiative von Neuköllnern und Neuköllnerinnen, die sich für Verbesserungen in Neukölln zugunsten des Radfahrens einsetzen wollen. Am Mittwochabend treffen sich die Rad-Netzwerker zum ersten Mal in größerem Rahmen in der „Scheune“ am Richardplatz, nachdem bisher vor allem online vernetzt wurde. Ihr Vorhaben: mit Neuköllner Privatpersonen, Unternehmen und Organisationen Radverkehr und dessen Probleme sichtbar machen. Einig sind sich die Netzwerker in ihrer Kritik an der Bezirkspolitik: Neukölln verschläft bisher, dass immer mehr Menschen aufs Fahrrad als Hauptverkehrsmittel setzen und der Radverkehr deshalb mehr Platz benötigt. Statt als Chance für Menschen und Wirtschaft sehen manche Politiker das Fahrrad offenbar nur als Sportgerät oder Accessoire für den Auto-Gepäckträger. Deshalb wollen sie auch mit den Instrumenten der Direkten Demokratie Neukölln bewegen.

Netzwerk-Initiatorin Saskia Ellenbeck (31): „Für mich als Alltagsradlerin mit Kind ist Neukölln eigentlich ideal: kurze Wege, schöne Kieze, lebendige Straßenkultur. Faktisch machen Kopfsteinpflaster, fehlende Radwege und Raser auf den Nebenrouten die Wege zur Kita, zum Arzt, zum Tempelhofer Feld oder einfach nur zum Einkaufen zu einer Mutprobe. Obwohl nur einen Katzensprung entfernt ist die Karl-Marx-Straße für mich mit dem Fahrrad aus dem Richardkiez kommend schlecht erreichbar: entweder quetsche ich mich am Autostau in der Saalestraße vorbei oder holpere über den Karl-Marx-Platz. Mit dem Netzwerk wollen wir der Politik zeigen, dass hier massive Verbesserungen nötig sind. Und vor allem wollen wir zeigen, dass wir viele sind.“ Auch Jan-Michael Ihl (35), jeden Morgen den Neuköllner Schiffahrtskanal entlang mit Kind auf dem Weg zu Kita und Büro, berichtet: „Radfahren ist zwar in Neukölln schon jetzt das beste Verkehrsmittel: weil man ‚von Tür zu Tür‘ damit am schnellsten ist, es Spaß macht und fit hält. Aber täglich ist man vermeidbaren Gefahren ausgesetzt: selbst mit Kind im Anhänger wird man zu dicht überholt, trotz ‚Tempo 30‘ wird gerast, so gut wie überall fehlen Radwege, und sichere Stellplätze sucht man oft vergeblich – selbst da, wo für Autos üppig Parkplätze oder Parkhäuser bereitstehen. Zäune und Absperrungen sind vollgestellt mit Rädern – Ausdruck eines Mangels an geeigneten Stellplätzen.“ Und Peter Feldkamp (33), erlebt im Schillerkiez in der Nachbarschaft des Tempelhofer Flugfelds einen krassen Kontrast: „Visit Berlin wirbt bei Touristen damit, dass auf dem Flugfeld ‚kleine und große Sportler gefahrlos fahrradfahren‘ können. Aber Besucher aus Amsterdam, Kopenhagen und Münster – Städte, in denen Radverkehr von der Politik großgeschrieben wird – müssen das doch als blanken Hohn empfinden, wenn sie vom Flugfeld herunter mal einen Abstecher entlang der Flughafenstraße mit ihrem teils gefährlichen Radweg, auf die Hermannstraße und in die anliegenden Neuköllner Kieze machen.“

Hintergrund:

Der Radverkehr gewinnt in Berlin seit Jahren an Bedeutung. Das machen nicht zuletzt die Zahlen deutlich, die der Berliner Senat selbst herausgibt. So stieg der Anteil des Radverkehrs am sogenannten Modal Split schon zwischen 2008 und 2013 um 2 Prozentpunkte von 11 auf 13 Prozent (Berlin-weit – die Neuköllner Werte sind fast deckungsgleich mit den Berlin-weiten Werten; Quelle: Pressemitteilung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt vom 17.06.15). Heißt: auf dem „Torten-Diagramm“ wird das Kuchenstück, das fürs Fahrrad steht, seit Jahren größer, das Auto-Kuchenstück schrumpft. Seit 2013 hat der Radverkehr offensichtlich weiter zugenommen, beobachtet man das Aufkommen auf Neuköllner Straßen, an den Kreuzungen am Hermannplatz und gerade auch im Herbst und Winter, außerhalb der klassischen Rad-Saison. Trotzdem investiert der Senat im Haushalt budgetierte Mittel für den Radverkehr seit Jahren nicht vollständig.

Während in Städten und Ländern mit besserer Fahrrad-Infrastruktur (z.B. Niederlande, Kopenhagen) Unfallzahlen und auch die Zahl schwerer Verletzungen trotz niedriger Helm-Quote vergleichsweise niedrig sind, stieg in Berlin die Zahl schwerverletzten Unfallbeteiligter 2014 auf 639 Schwerverletzte an, dazu kamen 12 tote Radfahrer. In Neukölln alleine kam es zu 37 Schwerverletzten (2013: 47, Leichtverletzte: 333/289; Quelle: Verkehrsunfallstatistik der Berliner Polizei).

In Innenstadt-Bezirken wie Neukölln profitiert die Gesellschaft auch wirtschaftlich vom Radverkehr: wer per Rad unterwegs ist, kauft eher lokal ein, nicht auf der Grünen Wiese, die Aufenthaltsqualität steigt und Lärm- und Feinstaubbelastungen sinken (und Neukölln hat in der Silbersteinstraße laut Umweltbundesamt die höchste Feinstaubbelastung Deutschlands, berichtete 2014 der Berliner Tagesspiegel).

Auch kostet Radverkehr langfristig die öffentlichen Haushalte weniger. Über jeden Kilometer mehr, der mit dem Fahrrad zurückgelegt wird, können sich auch Menschen am Steuer eines Autos freuen, denn wenn der Nachbar auf dem Weg zum Hermannplatz statt dem Auto das Rad nimmt, ist in der Neuköllner Sonnenallee für alle mehr Platz und weniger Stau. Und wer ganz aufs eigene Auto verzichtet, lässt anderen mehr Parkraum vorm Wohnhaus übrig.

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